Verfügbare Medikamente:
Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form der Demenz. In Deutschland leben etwa 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenz, rund zwei Drittel davon mit Alzheimer. Heilbar ist die Erkrankung nicht – aber der Verlauf lässt sich beeinflussen, und für die Betroffenen und ihre Angehörigen macht das einen erheblichen Unterschied.
Auf dieser Seite erfährst du, was im Gehirn geschieht, wie sich die Erkrankung von normaler Vergesslichkeit unterscheidet, wie die verfügbaren Medikamente wirken und worauf Angehörige achten sollten.
Überblick
Was geschieht bei Alzheimer?
Im Gehirn lagern sich zwei Eiweißstoffe krankhaft ab: Beta-Amyloid bildet Plaques zwischen den Nervenzellen, verändertes Tau-Protein verklumpt im Inneren der Zellen. Beides stört die Kommunikation zwischen den Nervenzellen und führt schließlich zu deren Untergang.
Betroffen ist zuerst der Hippocampus – jene Region, die neue Informationen ins Langzeitgedächtnis überführt. Das erklärt das früheste Symptom: Neues wird nicht mehr gespeichert, während lange zurückliegende Erinnerungen zunächst erhalten bleiben.
Im Verlauf breiten sich die Veränderungen über weitere Hirnregionen aus. Betroffen sind dann auch Sprache, Orientierung, Urteilsvermögen und die Fähigkeit, alltägliche Handlungen zu planen.
Ein wichtiger Punkt: Die Ablagerungen beginnen bereits 15 bis 20 Jahre, bevor die ersten Symptome auftreten. Das Gehirn kann die Ausfälle lange kompensieren.
Der Mangel an Acetylcholin
Besonders empfindlich reagieren Nervenzellen, die mit dem Botenstoff Acetylcholin arbeiten. Er ist zentral für Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Lernen.
Bei Alzheimer sinkt seine Verfügbarkeit deutlich. Genau hier setzt die derzeit gängigste Medikamentengruppe an.
Vergesslichkeit oder Demenz?
Nachlassende Merkfähigkeit im Alter ist normal. Der Unterschied liegt weniger darin, ob etwas vergessen wird, sondern was und wie.
- Normale Alterung: Namen fallen verzögert ein, kommen aber später wieder. Der Schlüssel wird verlegt und wiedergefunden. Termine werden vergessen, an das Gespräch darüber erinnert man sich.
- Hinweis auf eine Demenz: Ganze Gespräche oder Ereignisse fehlen vollständig. Dieselbe Frage wird mehrfach gestellt. Der Schlüssel liegt im Kühlschrank. Vertraute Wege werden unsicher, gewohnte Handgriffe wie Kochen oder Bankgeschäfte gelingen nicht mehr.
Weitere Warnzeichen sind Wortfindungsstörungen im Alltag, zeitliche und örtliche Desorientierung, nachlassendes Urteilsvermögen, sozialer Rückzug und Wesensveränderungen wie ungewohnte Reizbarkeit oder Misstrauen.
Behandelbare Ursachen ausschließen
Nicht jede Gedächtnisstörung ist eine Alzheimer-Erkrankung. Hinter denselben Symptomen können eine Schilddrüsenunterfunktion, ein Vitamin-B12-Mangel, eine Depression, Nebenwirkungen von Medikamenten, ein Normaldruckhydrozephalus oder eine unbehandelte Schlafapnoe stehen. Diese Ursachen sind behandelbar und die Beschwerden dann rückbildungsfähig. Genau deshalb steht am Anfang immer eine vollständige ärztliche Abklärung – eine Selbstdiagnose führt hier besonders leicht in die Irre.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Die Abklärung erfolgt beim Neurologen, in einer Gedächtnisambulanz oder beim Facharzt für Psychiatrie. Dazu gehören:
- Ausführliches Gespräch, möglichst gemeinsam mit einem Angehörigen. Die Fremdanamnese ist oft aufschlussreicher als die Selbstauskunft.
- Kognitive Tests wie MMST, DemTect oder Uhrentest.
- Blutuntersuchung zum Ausschluss behandelbarer Ursachen.
- Bildgebung mittels MRT oder CT, um Durchblutungsstörungen, Blutungen oder Tumoren auszuschließen.
- Bei Bedarf eine Untersuchung des Nervenwassers auf die typischen Eiweißveränderungen.
Eine frühe Diagnose ist wichtig: Sie ermöglicht den rechtzeitigen Behandlungsbeginn und – oft noch bedeutsamer – die eigenständige Regelung wichtiger Dinge wie Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung, solange der Betroffene das selbst entscheiden kann.
Die Medikamente im Überblick
Acetylcholinesterase-Hemmer
Aricept (Donepezil), Exelon (Rivastigmin) und Reminyl (Galantamin) gehören zu dieser Gruppe. Sie hemmen das Enzym, das Acetylcholin im synaptischen Spalt abbaut. Dadurch steht der Botenstoff länger zur Verfügung.
Eingesetzt werden sie bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz.
- Donepezil: Einmal täglich, meist abends. Lange Wirkdauer.
- Rivastigmin: Als Kapsel oder Pflaster verfügbar. Das Pflaster wird oft besser vertragen und erleichtert die Anwendung erheblich, wenn die Tabletteneinnahme unzuverlässig wird.
- Galantamin: Wirkt zusätzlich verstärkend auf bestimmte Rezeptoren.
Alle drei werden einschleichend dosiert, um Nebenwirkungen zu begrenzen.
Memantin
Ebixa (Memantin) wirkt anders. Es greift in das Glutamatsystem ein: Bei Alzheimer ist dieser Botenstoff dauerhaft überaktiv, was Nervenzellen zusätzlich schädigt. Memantin dämpft diese Überaktivität, ohne die normale Signalübertragung zu blockieren.
Eingesetzt wird es bei mittelschwerer bis schwerer Demenz. Eine Kombination mit einem Acetylcholinesterase-Hemmer ist in fortgeschrittenen Stadien möglich.
Was realistisch zu erwarten ist
Diese Medikamente heilen nicht und stoppen den Krankheitsprozess nicht. Sie gleichen einen Botenstoffmangel aus und können dadurch den Verlauf verzögern – in Studien um etwa sechs bis zwölf Monate. Das klingt wenig, bedeutet für viele Betroffene aber ein zusätzliches Jahr Selbstständigkeit und für Angehörige spürbare Entlastung. Ein Teil der Patienten spricht deutlich an, ein anderer kaum. Ausbleibende Verschlechterung ist dabei bereits ein Behandlungserfolg.
Was gibt es hierbei zu beachten?
Nebenwirkungen der Acetylcholinesterase-Hemmer
Am häufigsten sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Appetitverlust, besonders in der Aufdosierungsphase. Die Einnahme zu den Mahlzeiten und ein langsames Steigern der Dosis mildern das deutlich.
Weiterhin möglich sind Schwindel, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, lebhafte Träume und Muskelkrämpfe. Gewichtsverlust ist ein relevantes Problem und sollte im Blick behalten werden.
Wirkung auf den Herzschlag
Acetylcholinesterase-Hemmer können den Puls verlangsamen. Bei bestehenden Reizleitungsstörungen kann das zu Ohnmachtsanfällen und Stürzen führen. Vor Behandlungsbeginn ist deshalb ein EKG erforderlich, und die Kombination mit Betablockern muss ärztlich geprüft werden. Bei neu auftretenden Ohnmachtsanfällen, ausgeprägtem Schwindel beim Aufstehen oder auffällig langsamem Puls gehört die Behandlung umgehend überprüft.
Weitere Gegenanzeigen
- Magengeschwüre: Die vermehrte Säureproduktion kann Beschwerden verstärken.
- Asthma und COPD: Erfordern eine sorgfältige Abwägung.
- Krampfanfälle in der Vorgeschichte.
- Bei Memantin: Vorsicht bei Epilepsie und eingeschränkter Nierenfunktion, dort ist eine Dosisanpassung nötig.
Ein wichtiger Punkt zur Begleitmedikation
Viele ältere Menschen nehmen Medikamente mit anticholinerger Wirkung ein – sie wirken der Behandlung direkt entgegen und verschlechtern die Kognition zusätzlich.
Dazu zählen bestimmte Mittel gegen Blasenschwäche, ältere Antihistaminika, einige Antidepressiva, krampflösende Mittel und manche Neuroleptika. Eine vollständige Überprüfung der gesamten Medikation gehört deshalb zum Behandlungsbeginn dazu.
Nicht-medikamentöse Behandlung
Sie ist kein Beiwerk, sondern in den Leitlinien gleichrangig verankert.
- Kognitive Aktivierung: Gemeinsame Aktivitäten, Gespräche über die Biografie, Musik. Nicht als Leistungstest, sondern als anregende Beschäftigung ohne Druck.
- Körperliche Bewegung: Wirkt nachweislich auf Kognition, Stimmung und Beweglichkeit. Regelmäßige Spaziergänge genügen.
- Ergotherapie: Erhält Alltagsfähigkeiten und passt die Wohnumgebung an.
- Feste Tagesstruktur: Gleichbleibende Abläufe geben Sicherheit und verringern Unruhe.
- Musiktherapie: Musikalische Erinnerungen bleiben oft bis in späte Stadien erhalten und schaffen Zugang, wenn Sprache nicht mehr trägt.
Für Angehörige
Die Diagnose betrifft nie nur eine Person. Angehörige tragen die Hauptlast der Betreuung, und ihre eigene Gesundheit gerät dabei oft aus dem Blick.
- Frühzeitig rechtlich vorsorgen: Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und Patientenverfügung sollten erstellt werden, solange der Betroffene geschäftsfähig ist. Wird das versäumt, muss später ein gerichtliches Betreuungsverfahren eingeleitet werden.
- Pflegegrad beantragen: Er eröffnet Anspruch auf Pflegegeld, Tagespflege, Verhinderungspflege und Zuschüsse für Wohnraumanpassung. Der Antrag geht an die Pflegekasse.
- Nicht korrigieren, sondern mitgehen: Widersprüche aufzuzeigen führt zu Frustration auf beiden Seiten. Hilfreicher ist es, an das Gefühl anzuknüpfen, das hinter einer Aussage steht.
- Wohnumfeld sichern: Stolperfallen entfernen, Herdsicherung, gute Beleuchtung, gegebenenfalls Notrufsystem.
- Fahreignung ansprechen: Ein schwieriges, aber unvermeidbares Thema. Der behandelnde Arzt sollte einbezogen werden.
- Eigene Grenzen ernst nehmen: Überlastung ist bei pflegenden Angehörigen die Regel, nicht die Ausnahme. Angehörigengruppen, Beratungsstellen und Entlastungsangebote sind keine Kapitulation, sondern Voraussetzung dafür, langfristig da sein zu können.
Beratung und Unterstützung
Das Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft berät kostenfrei unter 030 259 379 514. Örtliche Alzheimer-Gesellschaften, Pflegestützpunkte und Selbsthilfegruppen bieten zudem Beratung vor Ort und den Austausch mit Menschen in derselben Situation.
Was das Risiko beeinflusst
Ein Teil der Risikofaktoren lässt sich beeinflussen. Nach aktuellen Analysen wären damit rund 40 Prozent der Demenzerkrankungen theoretisch vermeidbar oder verzögerbar.
- Bluthochdruck im mittleren Lebensalter konsequent behandeln.
- Hörverlust ausgleichen: Ein unversorgter Hörverlust gilt als einer der stärksten beeinflussbaren Faktoren, vermutlich über sozialen Rückzug und fehlende Reize.
- Diabetes gut einstellen, Übergewicht reduzieren.
- Rauchstopp und Begrenzung des Alkoholkonsums.
- Regelmäßige Bewegung und soziale Kontakte pflegen.
- Depressionen behandeln lassen, Kopfverletzungen vermeiden.
Nicht beeinflussbar sind Alter, Geschlecht und genetische Veranlagung. Eine familiäre Häufung erhöht das Risiko, führt aber nicht zwangsläufig zur Erkrankung.
Auf einen Blick
Bei Alzheimer führen Eiweißablagerungen im Gehirn zum Untergang von Nervenzellen, beginnend im Bereich des Gedächtnisses. Acetylcholinesterase-Hemmer wie Donepezil, Rivastigmin und Galantamin gleichen einen Botenstoffmangel aus und werden bei leichter bis mittelschwerer Demenz eingesetzt, Memantin bei fortgeschrittener Erkrankung. Sie heilen nicht, können den Verlauf aber verzögern. Vor Behandlungsbeginn müssen behandelbare andere Ursachen ausgeschlossen und ein EKG durchgeführt werden. Ebenso wichtig wie die Medikamente sind Alltagsstruktur, Bewegung und die Entlastung der Angehörigen.