Verfügbare Medikamente:
Adipositas ist eine chronische Erkrankung, keine Frage mangelnder Disziplin. Für die medikamentöse Behandlung stehen mehrere verschreibungspflichtige Wirkstoffe zur Verfügung, die auf unterschiedlichen Wegen ansetzen. Sie sind kein Ersatz für eine Ernährungsumstellung, sondern deren Unterstützung.
Auf dieser Seite erfährst du, wann eine medikamentöse Behandlung infrage kommt, wie sich die verfügbaren Präparate unterscheiden und welche Punkte vor einer Behandlung geklärt werden müssen.
Überblick
Wann gilt Übergewicht als behandlungsbedürftig?
Maßgeblich ist der Body-Mass-Index (BMI), berechnet aus Körpergewicht geteilt durch Körpergröße im Quadrat. Ab einem BMI von 25 spricht man von Übergewicht, ab 30 von Adipositas.
Eine medikamentöse Behandlung kommt nach den Zulassungskriterien infrage bei einem BMI ab 30 oder bei einem BMI ab 27 in Verbindung mit einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung. Dazu zählen unter anderem Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Schlafapnoe und Gelenkerkrankungen.
Warum der BMI allein nicht alles sagt
Der BMI unterscheidet nicht zwischen Muskel- und Fettmasse und sagt nichts über die Fettverteilung aus. Medizinisch relevant ist vor allem das Bauchfett, das sich um die inneren Organe lagert und stoffwechselaktiv ist. Ein einfaches Zusatzmaß ist der Taillenumfang: Werte über 102 cm bei Männern und über 88 cm bei Frauen gelten als deutlich erhöhtes Risiko.
Ebenso wichtig ist die Frage nach der Ursache. Eine Schilddrüsenunterfunktion, ein Cortisolüberschuss oder bestimmte Medikamente wie Kortison, einige Antidepressiva und Neuroleptika können eine Gewichtszunahme begünstigen. Diese Ursachen gehören abgeklärt, bevor eine Gewichtsreduktion medikamentös unterstützt wird.
Wichtiger Hinweis
Diese Medikamente sind zur Behandlung von Adipositas zugelassen, nicht zur kosmetischen Gewichtsreduktion bei Normalgewicht. Bei einer bestehenden oder früheren Essstörung sind sie ungeeignet und teilweise ausdrücklich kontraindiziert. Wenn du das Gefühl hast, dass dein Essverhalten oder dein Körperbild dich belasten, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung der richtige erste Schritt.
Wie wirken die Medikamente?
Die verfügbaren Wirkstoffe greifen an drei völlig unterschiedlichen Stellen an. Das ist der Grund, warum sich Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Eignung so deutlich unterscheiden.
GLP-1-Rezeptoragonisten
Semaglutid (Wegovy, Rybelsus) und Liraglutid (Saxenda) ahmen das körpereigene Darmhormon GLP-1 nach. Dieses wird nach einer Mahlzeit ausgeschüttet und signalisiert dem Gehirn Sättigung. Gleichzeitig verlangsamt es die Magenentleerung, wodurch das Sättigungsgefühl länger anhält.
Das Ergebnis ist eine deutlich reduzierte Nahrungsaufnahme, ohne dass bewusst gegengesteuert werden muss. Viele Anwender beschreiben zusätzlich ein Nachlassen des ständigen gedanklichen Kreisens um Essen.
Naltrexon und Bupropion
Mysimba kombiniert zwei Wirkstoffe, die im Gehirn auf das Appetit- und Belohnungssystem einwirken. Der Ansatz zielt weniger auf körperlichen Hunger als auf den Impuls zu essen – also auf Heißhungerattacken und Essen aus emotionalen Gründen.
Orlistat
Xenical wirkt ausschließlich im Darm und gar nicht im Gehirn. Der Wirkstoff hemmt die fettspaltenden Enzyme, sodass etwa ein Drittel des mit der Nahrung aufgenommenen Fetts unverdaut ausgeschieden wird. Hunger und Sättigung bleiben davon unberührt.
Info
Kein Präparat wirkt unabhängig vom Essverhalten. Auch unter GLP-1-Analoga entsteht die Gewichtsabnahme dadurch, dass weniger gegessen wird – das Medikament erleichtert diesen Schritt, ersetzt ihn aber nicht. Ohne begleitende Ernährungsumstellung und Bewegung fallen die Ergebnisse deutlich schwächer aus und der Effekt hält nach Absetzen kaum an.
Die Präparate im Überblick
Wegovy (Semaglutid)
Injektion einmal wöchentlich mit einem vorgefüllten Pen. Speziell zur Gewichtsreduktion zugelassen und in Studien das wirksamste der hier genannten Präparate.
Die Dosis wird über mehrere Monate schrittweise gesteigert, um die Verträglichkeit zu verbessern. Nachteil ist die Darreichung als Spritze, außerdem treten besonders in der Aufdosierungsphase häufig Übelkeit und Verdauungsbeschwerden auf.
Rybelsus (Semaglutid)
Derselbe Wirkstoff wie Wegovy, jedoch als Tablette zur täglichen Einnahme. Für Anwender geeignet, die eine Injektion vermeiden möchten.
Zu beachten: Rybelsus ist in der EU zur Behandlung des Typ-2-Diabetes zugelassen, nicht zur reinen Gewichtsreduktion. Eine Anwendung allein zum Abnehmen erfolgt außerhalb der Zulassung und muss ärztlich begründet werden. Die Einnahme ist zudem an strenge Vorgaben gebunden – nüchtern, mit wenig Wasser und mindestens 30 Minuten Abstand zur ersten Mahlzeit, da der Wirkstoff sonst kaum aufgenommen wird.
Saxenda (Liraglutid)
Injektion einmal täglich, ebenfalls zur Gewichtsreduktion zugelassen. Die Wirkung entspricht dem Prinzip von Wegovy, fällt im direkten Vergleich aber schwächer aus.
Vorteil ist die kürzere Wirkdauer: Bei Unverträglichkeit lässt sich die Behandlung schneller beenden. Nachteil ist die tägliche Injektion.
Mysimba (Naltrexon und Bupropion)
Tabletten zur täglichen Einnahme mit langsamer Aufdosierung über vier Wochen. Sinnvoll vor allem, wenn Heißhunger und emotionales Essen im Vordergrund stehen.
Das Präparat hat das umfangreichste Gegenanzeigenprofil der hier genannten Wirkstoffe. Unter anderem sind ein unbehandelter Bluthochdruck, eine Epilepsie oder Krampfanfälle in der Vorgeschichte, eine bipolare Störung sowie eine bestehende oder frühere Essstörung Ausschlussgründe.
Xenical (Orlistat)
Kapseln zu den fetthaltigen Hauptmahlzeiten, bis zu dreimal täglich. Da der Wirkstoff nicht ins Blut übergeht, ist das Nebenwirkungsprofil außerhalb des Verdauungstrakts günstig.
Der Preis dafür sind die Verdauungsbeschwerden: fettiger oder öliger Stuhl, plötzlicher Stuhldrang und Blähungen. Diese Beschwerden treten umso stärker auf, je fettreicher gegessen wird – wer sich fettarm ernährt, verträgt das Präparat deutlich besser. Zudem ist die Aufnahme fettlöslicher Vitamine reduziert.
Was gibt es hierbei zu beachten?
Nebenwirkungen der GLP-1-Analoga
Im Vordergrund stehen Beschwerden des Magen-Darm-Trakts: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung, Bauchschmerzen und Aufstoßen. Sie sind meist in der Aufdosierungsphase am stärksten und nehmen im Verlauf ab.
Seltener, aber relevant sind Gallensteine, die durch eine rasche Gewichtsabnahme begünstigt werden, sowie Entzündungen der Bauchspeicheldrüse. Anhaltende starke Oberbauchschmerzen, die in den Rücken ausstrahlen, sind ein Warnzeichen und gehören sofort ärztlich abgeklärt.
Gegenanzeigen der GLP-1-Analoga
- Medulläres Schilddrüsenkarzinom in der eigenen oder familiären Vorgeschichte sowie das Syndrom MEN 2.
- Durchgemachte Pankreatitis: Erfordert eine sorgfältige ärztliche Abwägung.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Die Behandlung ist ausgeschlossen. Vor einer geplanten Schwangerschaft muss das Präparat rechtzeitig abgesetzt werden.
- Schwere Magen-Darm-Erkrankungen oder eine verzögerte Magenentleerung (Gastroparese).
- Operationen und Narkosen: Wegen der verzögerten Magenentleerung muss das Narkoseteam vorab über die Einnahme informiert werden.
Wechselwirkungen
- Insulin und Sulfonylharnstoffe: In Kombination mit GLP-1-Analoga steigt das Risiko für Unterzuckerungen. Eine Anpassung der Diabetestherapie ist erforderlich.
- Andere Medikamente allgemein: Die verlangsamte Magenentleerung kann die Aufnahme oral eingenommener Wirkstoffe verändern.
- Mysimba und Opioide: Naltrexon hebt die Wirkung von Opioid-Schmerzmitteln auf. Die gleichzeitige Anwendung ist ausgeschlossen.
- Mysimba und MAO-Hemmer: Ein Mindestabstand von 14 Tagen ist einzuhalten.
- Xenical und Ciclosporin, Schilddrüsenhormone oder Antiepileptika: Die Aufnahme kann beeinträchtigt sein, zeitliche Abstände sind nötig.
- Xenical und orale Verhütungsmittel: Bei starkem Durchfall kann die Verhütungssicherheit eingeschränkt sein.
Wie lange dauert eine Behandlung?
Eine medikamentöse Gewichtsreduktion ist auf Monate angelegt, nicht auf Wochen. Die Wirkstoffe werden schrittweise aufdosiert, und die Beurteilung des Erfolgs erfolgt frühestens nach mehreren Monaten in der Zieldosis.
Spricht ein Präparat nach dieser Zeit nicht ausreichend an, wird es in der Regel abgesetzt oder gewechselt. Eine unbegrenzte Fortführung ohne erkennbaren Effekt ist nicht sinnvoll.
Info
Nach Absetzen kommt es bei den meisten Anwendern zu einer erneuten Gewichtszunahme. Das ist kein persönliches Versagen, sondern die Folge körpereigener Regulationsmechanismen: Der Körper verteidigt sein gewohntes Gewicht. Genau deshalb sind die begleitende Ernährungsumstellung und regelmäßige Bewegung entscheidend – sie sind der Teil, der auch ohne Medikament weiterwirkt.
Welche Alternativen gibt es?
- Ernährungsberatung: Die Grundlage jeder Behandlung. Eine qualifizierte Beratung wird von den gesetzlichen Krankenkassen anteilig bezuschusst.
- Bewegung: Wirkt weniger auf das Gewicht selbst als auf Stoffwechsel, Blutdruck und Erhalt der Muskelmasse während der Abnahme. Beides ist langfristig entscheidend.
- Multimodale Programme: Kombinieren Ernährung, Bewegung und Verhaltenstherapie. Für viele Betroffene der nachhaltigste Weg.
- Behandlung von Grunderkrankungen: Eine unbehandelte Schilddrüsenunterfunktion oder eine gewichtssteigernde Dauermedikation sollten zuerst abgeklärt werden.
- Adipositaschirurgie: Bei einem BMI ab 40 oder ab 35 mit Begleiterkrankungen eine etablierte Option mit den nachweislich stabilsten Langzeitergebnissen. Die Abklärung erfolgt in einem spezialisierten Zentrum.
Auf einen Blick
Eine medikamentöse Behandlung kommt ab einem BMI von 30 infrage, oder ab 27 mit gewichtsbedingter Begleiterkrankung. GLP-1-Analoga wie Wegovy und Saxenda wirken über das Sättigungsgefühl, Mysimba über das Belohnungssystem, Xenical über die Fettaufnahme im Darm. Alle Präparate sind verschreibungspflichtig, wirken nur zusammen mit einer Ernährungsumstellung und erfordern eine ärztliche Prüfung von Vorerkrankungen, Begleitmedikation und Gegenanzeigen.